Leben auf der Straße spüren

Im Innovationszentrum „42“ zeigt das Virtual-Reality-Erlebnis „Unhome“, wie Menschen ohne Wohnung leben – und eröffnet einen realistischen Blick auf Obdachlosigkeit.
„Autsch!“ – Das hat weh getan. Die 17-jährige Lisley hat gerade in einem Mülleimer nach Pfandflaschen gesucht und sich dabei geschnitten. Doch wie kann sie als Obdachlose die Wunde jetzt versorgen? Im schlimmsten Fall gar nicht und die Wunde verheilt nicht richtig. Zum Glück ist das nicht wirklich passiert, sondern in einem virtuellen Raum und Lisley lebt nicht wirklich auf der Straße. Doch im Virtual Reality (VR)-Erlebnis „Unhome“, in dem Lisley die Situation erlebt hat, war alles ganz schön echt und beängstigend.
Virtuelles Erleben von Obdachlosigkeit in Kaiserslautern
Als die Schülerin die VR-Brille abnimmt, wirkt sie nachdenklich: „Es hat einen ziemlich mitgenommen, zu sehen, was Obdachlosen passiert.“ Damit meint sie Angriffe durch Betrunkene oder dass man beim Betteln dumm angemacht und beleidigt wird. Denn das alles ist Teil von „Unhome“. In dem rund 20-minütigen VR-Erlebnis schlüpfen Teilnehmende in die Rolle eines Menschen, der auf der Straße lebt. Für vier Wochen ist das jetzt im Innovationszentrum in Kaiserslautern möglich, denn dort ist „Unhome“ gerade zu erleben – zum ersten Mal in Rheinland-Pfalz. Vorbeischauen und ausprobieren kann jeder, der möchte.
Mehr zum VR-Erlebnis „Unhome“:
Der Wechsel der Perspektive soll Empathie fördern und das Bewusstsein für soziale Themen nachhaltig stärken. „Das war schon ziemlich realistisch, auch zu dem, was die Menschen uns berichten“, sagt Samira Wellnitz. Sie arbeitet als Sozialarbeiterin im Caritas-Förderzentrum St. Christophorus in Kaiserslautern eng mit Menschen auf der Straße zusammen. „Die Abläufe mit den Ämtern, der Kampf um seinen Platz auf der Straße – das ist in dem VR-Erlebnis nah an der Realität.“ Schulklassen können das Projekt als Workshop-Paket buchen. Fachkräfte aus der Obdachlosenhilfe begleiten die Termine und unterstützen bei der Nachbereitung.
Schüler in Kaiserslautern tauchen in das Leben auf der Straße ein
So hat es auch die Klasse der 17-jährigen Lisley gemacht. „Vorher habe ich bei Obdachlosen eher weggeschaut“, sagt sie. „Ich habe wahrscheinlich immer noch Hemmungen, sie anzusprechen – aber vielleicht bringe ich beim nächsten Mal, wenn es kalt ist, einfach einen Kaffee oder etwas zu essen vorbei.“
Auch ihr Mitschüler Lakshay ist von dem Erlebnis beeindruckt. Er sagt, er habe zunächst gedacht, es handele sich nur um ein Video, und sei überrascht gewesen, wie intensiv man mit der virtuellen Umgebung interagieren könne. Das habe das Verständnis für das Leben auf der Straße deutlich vertieft. Besonders nachdrücklich sei für ihn gewesen, zu erkennen, wie belastend und ungerecht die Situation obdachloser Menschen ist. „Es ist traurig zu sehen, dass Menschen in der eigenen Stadt so leben und sogar sterben müssen“, sagt der Schüler.
19.1.2026,
Von Autor/in Maren Kaps




